Sicherheitsgesetz-WelleEiner Demokratie unwürdig

Am Freitag hat der Bundestag den Einsatz von KI-Kameras an Bahnhöfen beschlossen. Weitere automatisierte Überwachungstools sollen folgen. Doch die haben in einer Demokratie nichts verloren. Ein Kommentar.

  • Martin Schwarzbeck
Illustration eines zerfließenden Auges.
Video-KI, Gesichtersuchmaschine, Megadatenbank: Die Möglichkeiten polizeilicher Einsichtnahme werden massiv entgrenzt. – Alle Rechte vorbehalten: Imago / fStopImages

Im vergangenen Jahr hat automatisierte Videoüberwachung des öffentlichen Raums in Deutschland einen erstaunlichen Siegeszug hingelegt. Zuvor gab es sie nur in Mannheim. Vor fast genau einem Jahr wurde sie in Frankfurt am Main gestartet, vor zehn Monaten in Hamburg.

In Berlin wird der Einsatz gerade vorbereitet, ebenso in zwei Städten in Baden-Württemberg. Und am Freitag hat der Bundestag den Einsatz an deutschen Bahnhöfen beschlossen. Vier Tage zuvor hat das Innenministerium einen Gesetzentwurf veröffentlicht, der dem Verfassungsschutz den Zugriff auf Überwachungsanlagen erlaubt.

Die Kontrolle von Menschen mittels automatisierter Videoüberwachung eskalierte innerhalb eines Jahres vom experimentellen Probelauf zur kommenden Realität. Das ging rasant.

Die Systeme in den verschiedenen Städten erkennen bislang entweder bestimmte Verhaltensmuster oder Gesichter auf Videostreams. In Baden-Württemberg und an den deutschen Bahnhöfen sollen die Technologien zusammen ausgerollt werden.

Die Bundesregierung will BKA und Bundespolizei zudem bald weitere, extrem invasive Maßnahmen der automatisierten Überwachung erlauben: Eine Internetsuchmaschine für Stimmen und Gesichter und eine Megadatenbank mit KI-gestützter Analyse, wie sie auch Palantir im Angebot hat. Entsprechende Befugnisse für BND und Verfassungsschutz finden sich ebenfalls im Entwurf des Geheimdienstgesetzes.

Der gläserne Mensch unter Generalverdacht

Zusammengedacht ergibt das ein System, das vollautomatisiert kontrolliert, was Menschen in der Öffentlichkeit tun, sie bei unerwünschtem Verhalten identifiziert und dann gleich auch noch recherchiert, wo sie sich bewegen und mit wem sie bekannt sind.

Jede einzelne der kommenden Technologien stellt alle Menschen unter Generalverdacht. Jedes Gesicht wird gescannt, jedes Verhalten wird bewertet, jeder Mensch, der mit der Polizei zu tun hat, landet in der Megadatenbank. Die totalitären Tendenzen sind der automatisierten Überwachung immanent. Sie gefährdet die Demokratie und läuft ihr ganz grundsätzlich zuwider.

Demokratie ist die Aushandlung der Bedürfnisse verantwortungsbewusster Individuen, von denen angenommen werden muss, dass sie sich angemessen verhalten. Abweichungen können geahndet werden, doch ohne die grundsätzliche Vor-Annahme der Wohlgesonnenheit seiner Bewohner*innen kippt ein System ins Totalitäre. Demokratie hat auch etwas mit Vertrauen zu tun. Wer meint, alle Menschen fürchten zu müssen, wird versuchen, sie zu kontrollieren. Da wo jeder verdächtig ist, beginnt der Überwachungsstaat.

Über die Autor:innen

  • Martin Schwarzbeck

    Martin ist seit 2024 Redakteur bei netzpolitik.org. Er hat Soziologie studiert, als Journalist für zahlreiche Medien gearbeitet, von ARD bis taz, und war lange Redakteur bei Berliner Stadtmagazinen, wo er oft Digitalthemen aufgegriffen hat. Martin interessiert sich für Machtstrukturen und die Beziehungen zwischen Menschen und Staaten und Menschen und Konzernen. Ein Fokus dabei sind Techniken und Systeme der Überwachung. Für Recherchen zur Spionage-App mSpy hat er gemeinsam mit Chris Köver 2026 den Sonderpreis Print des Datenschutz Medienpreises DAME erhalten.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Mastodon, Signal: yoshi.42042

    Foto: Darja Preuss


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9 Kommentare zu „Einer Demokratie unwürdig“


  1. logicaltux

    ,

    Mir fehlen langsam die Worte dafür, wie ich diese Regierung in Worte fassen soll.
    Expert:innen aus verschiedenen Bereichen werden komplett ignoriert.
    Bedenken werden maximal angehört, aber nicht verstanden.
    Der Wille des Volkes wird komplett untergraben.

    Ich bin resigniert, fühle mich ohnmöchtig und muss festellen: Das ist kein Land mehr, welchem ich mich zugehörig fühle. Die aberwitzigen Vorstellungen der Regierung wirken auf mich wie ein Schlag ins Gesicht derer, die fernab jeglicher Parteizugehörigkeit, für ein demokratisches Deutschland stehen.


  2. Anonym

    ,

    Letzter Freitag war so ein Schei*tag! Wieso macht der Bundestag eigentlich inzwischen immer solche enormen Omnibus Riesenpakete, bei denen im letzten Moment noch ganz neue Sachen reinkommen? Das ist alles doch der Demokratie unwürdig.

    Es spricht eine approbierte Psychotherapeutin, die keinen Weiterbildungsplatz bekommt, weil die Finanzierung seit Jahren nicht gesichert wird. Sowas von die Schnauze voll.


  3. Salami

    ,

    Die Gesellschaft ist selbst dran Schuld. Mehrere Grundrechte wurden ausgehöhlt indem unliebsame Menschen und Technologien verteufelt wurden. Man kann nicht beides haben.

    Es hat einen Grund warum selbst für Massenmörder die Menschenrechte gelten. Dieses Denken geht verloren und man schafft Ausnahmen in zentralen Grundrechten.


  4. angryoldman

    ,

    wer kann geht besser fort aus diesem Land.
    Wofür sollen junge Menschen noch verteidigungsbereit sein?


  5. Anonym

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    Es geht hier ganz offensichtlich nicht mehr um Demokratie, sondern um Unterdrückung, Gleichschaltung und komplette digitale Kontrolle der Bevölkerung in jedem Lebensmoment.

    Überall findet bereits ausufernde Überwachung statt, auf dem Smartphone, dem Computer, im PKW und nun oh Wunder noch überall dort, wo öffentlicher Raum anzutreffen ist.

    Kippt das System nun letztendlich in eine moderne Form einer digitalen Diktatur, sind wir alle absolut in den Po gekniffen, um es mal etwas direkter auszudrücken.

    Den Obrigkeiten wird das auch bewusst sein, aber anscheinend will man einfach nicht auf Experten hören. Machtbestrebungen die Bevölkerung perfekt zu kontrollieren und zu steuern sind eben unheimlich verlockend. Davon träumten bereits schon unzählige Herrschereliten.


  6. Anonym

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    Wenn man sich die Kommentare der Empoerten und Entrechteten so ansieht: ist das wirklich das Umfeld, in dem netzpolitik.org sich jetzt positioniert? Schade…


    1. Anonym

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      Kurzanalyse: Versagen bei Freischaltung von Schmähkritik

      1. Netzpolitik ist ein Medium mit Artikeln. Dabei gibt es Gastbeiträge und verschiedene Authoren und Redaktionsmitglieder. Wenn eine Positionierung ablesbar ist, dann aus den Artikeln.
      2. Die Kommentarspalten werden relativ liberal gehandhabt. Nutzer kommentieren.
      3. Was ist das Umfeld, worinnen Sie meinen, netzpolitik positioniere sich?
      4. Empörung als Pejorisierung?
      5. Entrechtung als Ridicule?

      Lächerlicher Kommentar. Durch und durch. Zugegeben, ich habe die anderen Kommentare nicht gelesen, aber für den Versuch eine „Positionierung“ herbeizuklarpeistern, gehört der Kommentar mit Warnfarben umrandet.


  7. Anonym

    ,

    Statistisch könnte man historisch argumentieren. Das ist wohl schon eine Sache.

    Zuletzt allerdings kann man etwa sagen, die Überwachung seitens des Privatsektors habe den größten Beitrag zu Angriffen auf Demokratien geleistet? Ja, da haben sich Staaten bedient, die keine Demokratien sind, aber wie dumm soll es denn noch werden?


  8. Adabei

    ,

    Dazu ein Zitat von Erich Fromm, wohlgemerkt aus den 60er Jahren:

    Der moderne Mensch lässt sich also insgesamt als „passiver Empfänger von Eindrücken, Gedanken und Meinungen“ beschreiben. Zwar ist der Mensch im Laufe der Jahrhunderte erheblich intelligenter geworden, doch hat er, was eine moralisch geleitete Vernunft betrifft, starke Einbußen zu verzeichnen. Seine Intelligenz nutzt er als Werkzeug, sich selbst und andere zu manipulieren. Das vernünftige Hinterfragen von Gegebenheiten, das Urteilen und Handeln nach fundierten Grundsätzen wird oft zugunsten der Konformität unterlassen.

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